Der Begriff Spiritualität kommt aus dem Lateinischen „spiritualis“ und geht auf das neutestamentliche griechische „pneumatikos“ zurück. Bezeichnet wird damit ein Leben in der Kraft des Heiligen Geistes. Es gibt unzählige Versuche, Spiritualität zu definieren. Gemeinsam in der christlichen Spiritualität ist den Bestimmungsversuchen etwa der Bezug auf den Geist Gottes und Jesus Christus und die sich daraus ergebenden Aufgaben des Menschen gegenüber sich selbst, anderen Menschen, der Welt und Gott.
Verbindung zu Gott als Person
Bei der Begriffsbestimmung christlicher Spiritualität steht stets im Mittelpunkt die Gabe des Geistes an den Menschen als Verbindung zu Gott als Person und nicht als eine ferne, furchteinflößende Gottheit. Wer von diesem Geist erfüllt ist, von dem gehen Einheit, Leben, Freiheit, Glauben, Gemeinschaft, Liebe, Freude, Friede, Weisheit und Einsicht, Heiligung und Heiligkeit, Kraft und Besonnenheit, Erneuerung, Erleuchtung, Wahrheit und Herrlichkeit aus. Den Geist haben, bedeutet in und aus ihm zu leben.
Aufgabe „Menschwerdung“
Spiritualität wird auch als eine Spiritualität der „Menschwerdung“ bezeichnet, in dem Sinne, dass der Mensch Mensch ist, indem er immer mehr Mensch wird. Gott schafft keine fertige Welt, sondern der Mensch ist für diese Schöpfung und ihr Werden verantwortlich. Christliche Existenz steht im Dialog mit dem Menschen, dem Leben, der Welt und Gott. Dies beinhaltet ein Unterwegssein des Menschen, ein sich auf den Weg machen zu sich selbst, zu anderen und mit ihnen zu Gott. Auf diesem Weg haben auch Umwege, Irrtümer und Irrwege ihre Funktion.
Spiritualität: eine Sehnsucht
Spiritualität stellt eine Sehnsucht dar, sich selbst und die Welt verstehen und deuten zu wollen. Spirituelles Denken ist jedem Menschen zu eigen und verändert sich im Laufe des Lebens. Menschen müssen ihre Sehnsüchte und Hoffnungen, ihre Sorgen und Ängste anderen mitteilen können. Diese Anliegen verbinden sich mit biblischen Geschichten oder mit religiösen Vorstellungen von Gut und Böse oder mit Ritualen wie dem Gebet.
Verbindung zu sich und zur Menschheit
Spiritualität eröffnet einerseits die Möglichkeit, die eigene Identität zu finden und andererseits die Verbundenheit mit der gesamten Menschheit. Sie zeigt sich im Empfinden von Aufmerksamkeit, in der Konzentration auf das Hier und Jetzt, im Gespür für das Geheimnisvolle der Welt und der Wirklichkeit. Das Gefühl für Wertvolles wird verstärkt durch die Erfahrung, dass alles gut ist, und auch, dass in dem, was man erfährt, Sinn zu finden ist.
Befähigung, die eigene Geschichte anzunehmen
Pädagogische Aufgabe am Institut für Soziale Berufe (IfSB) ist es, auf die spirituellen Fragen der Auszubildenden im Rahmen religiöser Bildung einzugehen. Ebenso muss die Pädagogik die Auszubildenden darin unterstützen, Antworten auf ihre Fragen nach Religion, Glaube und den Geheimnissen der Welt zu finden. Spirituelle Bildung hat den Anspruch, Auszubildenden zu vermitteln, offen zu sein für das, was um sie herum passiert. Sie hilft unterschiedliche Sichtweisen der Lebenswirklichkeit zu sehen und zu verstehen.
Raum für persönliche Erfahrungen
Religionsunterricht gelingt dann, wenn die Inhalte des Glaubens mit Erfahrungen der Auszubildenden verknüpft werden. Besonders an einer Schule wie dem IfSB mit seiner multikulturellen und multireligiösen Schüler- und Lehrerschaft wird so die Fähigkeit gefördert, die eigene Lebensgeschichte anzunehmen und zu deuten, aber auch die des Gegenübers. Auszubildende werden ermutigt, die Inhalte des Unterrichts mit ihrem eigenen Leben in Beziehung zu setzen, indem sie ihre persönlichen Erinnerungen, Wertungen, Einstellungen, Vorurteile und Deutungen einbringen. Ihren Lebensdeutungen können sie Ausdruck geben im Gespräch, in Texten, in Bildern.
Antworten auf existenzielle Fragen
Der Unterricht nimmt die Fragen ernst nach dem Woher, Wozu und Wohin des Lebens. Der Austausch zwischen Lehrenden und den Klassen hat dabei nicht die Aufgabe, diese Fragen abschließend zu beantworten. Vielmehr lebt er davon, dass er die Fragwürdigkeit der Welt gelten lässt. Denn auch in ihr erscheint die Transzendenz des menschlichen Daseins. Er erschließt auf der Grundlage der Glaubensüberlieferung Maßstäbe ethischen Urteilens und motiviert zum bewussten Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Auszubildende werden eingeladen, die Faszination der überlieferten Religion zu entdecken in Gestalten des Glaubens, Liedern, Bildern, Räumen und biblischen Geschichten. Der Unterricht gibt den Auszubildenden nicht zuletzt Raum für die Vorstellungen von Sterben und den Fragen nach dem Tod.
Förderung der Achtung
Die Vielfalt der wahrgenommenen Lebensweisen und -möglichkeiten schult und begleitet die Auszubildenden auf ihrem Weg zum eigenen Urteilen und Handeln und fördert die Einfühlung in andere Menschen, einer wichtigen Kernkompetenz in sozialen Berufen. Auszubildende nehmen ihre Einzigartigkeit und die Unterschiede zwischen Menschen als Bereicherung wahr. Sie lernen nicht nur sich selbst, sondern auch andere in ihrer Fremdheit anzunehmen und zu achten. Der Religionsunterricht trägt dazu zum besseren Verständnis für Menschen einer anderen Religionszugehörigkeit oder Kultur bei. Er fördert letztlich die Achtung vor den Menschen mit anderen Lebensrealitäten und das vertiefte Nachdenken über den eigenen Glauben.
Daniela Alker





