Bildung und Heterogenität gehören zusammen wie ein Zwillingspaar. Nicht nur in der Ausbildung sehen sich Schülerinnen und Schüler am Institut für Soziale Berufe (IfSB) den vielfältigsten Menschen gegenüber, sondern auch bei ihrer späteren Arbeit als Fachkraft im Bereich der Teilhabe. Heilpädagoge und Lehrer Jonas Ruf findet diese Vielfalt jeden Tag aufs Neue spannend.
Tagtäglich bewegt sich Jonas Ruf als Lehrkraft inmitten der unterschiedlichsten Menschen: Die derzeit 350 Auszubildenden im Fachbereich Heilerziehungspflege kommen aus 39 Ländern und bringen nicht nur ihre eigene kulturelle Prägung mit, sondern besitzen auch verschiedenste Bildungsbiografien. Manche starten ihre Ausbildung als Minderjährige, deren Eltern noch Unterschriften leisten müssen, andere erfuhren in ihren Heimatländern umfangreiche Bildung, viele haben eine ausgeprägte berufliche Laufbahn. Von der Erstausbildung über die gelernte Marketing-Fachfrau und die Beninerin mit Germanistikabschluss bis hin zu dem Mann, der die Koch-Ausbildung abgebrochen hat, ist vieles vertreten. Der Lernort IfSB spiegelt in einer starken Ausprägung unsere Lebensvielfalt wider und zeigt: Heterogenität ist nicht die Ausnahme, sondern die Normalität. Für die Lehre bedeutet die große Vielfalt ein gewisser Spagat. Soll heißen, jeder und jede sollte die für sich passenden Werkzeuge für das spätere Berufsleben an die Hand bekommen.
Nicht der Leistungsgedanke zählt
Vielfalt erfordert Respekt, Anerkennung und Empathie aller Akteure. Es braucht die Bereitschaft, Barrieren abbauen zu wollen – egal ob sichtbare oder unsichtbare. Die Sportgruppe Rakete, die es an drei Abenden in der Woche in Ravensburg gibt, ist ein gutes Beispiel dafür. Jonas Ruf leitet die Mittwochsgruppe. Er schildert, dass sich Menschen mit und ohne Behinderungen treffen, alle auf ihre Art die Fähigkeit mitbringen, sich zu bewegen. Nicht der Leistungsgedanke zähle, verbindend sei vielmehr die Lust und der Spaß an der gemeinsamen Bewegung. Mit einem solchen Angebot wird auch verdeutlicht, dass dem Wunsch nach Barrierearmut konkrete Angebote folgen müssen, um Teilhabe, Autonomie, Selbstbestimmung und ein gleichberechtigtes Leben für alle zu ermöglichen.
Fremdheit ist veränderbar
Doch zurück zur Heterogenität, die in der Lehre der Heilerziehungspflege zum Alltag gehört. Die künftigen Fachkräfte sollen Methoden an die Hand bekommen, die es ihnen später erlauben, jeden Menschen so zu begleiten, dass er auf die eigene Art selbstbestimmt leben kann. „In der Ausbildung gibt es kein Schema F“, sagt Jonas Ruf. Für die Lehrkräfte gehe es darum, Haltung sensibilisierend zu vermitteln. „Wir müssen sehr klar sein, was wir vorleben“, so der Pädagoge. Zum erfahrungsbasierten Lernen gehört, Methoden auszuprobieren und bei Bedarf anzupassen. Auch das Risiko des „Scheiterns“ sei immer gegeben. „Aber davon dürfen wir uns nicht abhalten lassen.“ Veränderungen und Entwicklungen sind durch sogenannte „korrigierende“ Erfahrungen möglich. Fremdheit, die mit Verschiedenheit häufig einhergeht, sei veränderbar.
Erfahrungen außerhalb des Klassenzimmers
Als Lehrkraft nimmt Jonas Ruf wahr, dass die Erfahrungen, die die Schüler fernab des Unterrichts im Klassenzimmer machen, besonders intensiv für sie sind. So bieten erlebnispädagogische Angebote, Workshops und Blockwochen oft ein besonderes Umfeld, sich auf einer sehr persönlichen Ebene aufeinander einzulassen. Jonas Ruf selbst ist begeistert von Vielfalt und sieht es als Privileg, mit so vielen verschiedenen Menschen arbeiten zu können. „Es hört nie auf, spannend zu sein.“ Es gehe immer darum, zu erkennen, dass Menschen zwar ähnlich sind, aber nicht gleich denken. Diversität bietet beim Lernen viele Chancen. Um diese aufzugreifen, fordern Lehrende Auszubildende dazu auf, sich zu solidarischen Lerngemeinschaften zusammenzufinden und sich mit ihren persönlichen und beruflichen Erfahrungen einzubringen.
Wertschätzender Umgang
Oft seien es im Alltag unscheinbare Kleinigkeiten, die große Wirkung haben. Deshalb achtet Jonas Ruf etwa darauf, dass er alle Namen der Schülerinnen und Schüler nicht nur kennt, sondern sie auch richtig aussprechen kann. Solch kleine Puzzlesteine zeigen, dass es auch anders – nämlich wertschätzend – geht. Er wünscht sich, dass Menschen, die ihre Heimat eigens verlassen, um hierzulande beruflich Fuß zu fassen, mehr Anerkennung erfahren. Etliche kommen über ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) nach Deutschland und entscheiden sich dezidiert für eine Ausbildung in einem „helfenden Beruf“. Ruf beschreibt die Riesenherausforderung und hohe Anpassungsleistung, die Menschen aus anderen Kulturen auf sich nehmen. „Unsere Ausbildungen sind sehr anspruchsvoll“, erklärt er. Sie zu meistern, obwohl man nicht Muttersprachler ist, umso mehr.
Lernen ist nie fertig
Dass der 32-Jährige offenkundig ein Freund von Bildung ist, zeigt auch seine eigene bisherige Laufbahn. Der gelernte Erzieher und ausgebildete Heilpädagoge studierte „Heilpädagogik – Bildung und Heterogenität“ mit dem Masterabschluss. Bei seinen Ausbildungen, die er als „Riesenprivileg“ sieht, begleitete ihn das Thema Vielfalt immer. Egal woher Menschen sind, jeder einzelne bringt wertvolle eigene Erfahrungen mit. Jonas Ruf gibt eine Aussage eines ausländischen Mitbürgers wieder: „Ich kam nach Deutschland, niemand hat mich verstanden.“ Ein Gefühl, das Menschen mit Behinderungen nur zu gut kennen. Die durch die eigene Erfahrung gewonnene Empathiefähigkeit wird die zukünftige Fachkraft womöglich im Sinne von anderen Personen nutzen können. Ein Mehrwert von Diversität.
Text: Anne Oschwald
Foto: Heidi Fischer






