Jugend- und Heimerzieher:innen auf biografischen Spuren mit Kindern und Jugendlichen
„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“
Biografiearbeit ist eine sozialpädagogische Methode, um die Lebensgeschichte eines Menschen zu thematisieren und biografische Ereignisse wie etwa Heimunterbringung, Verlust- und Trennungserfahrungen, Erkrankungen, Ausgrenzungserlebnisse,… verarbeiten zu können. Es geht darum, die Lebensgeschichte – gemeinsam mit dem Kind/ Jugendlichen – zu recherchieren, feinfühlig und kreativ aufzuarbeiten, mit dem Ziel VERSTEHEN, BEWÄLTIGEN,… WACHSEN zu können.
Eine von vielen Methoden der Biografiearbeit sind die „heilenden Geschichten“. Heilende Geschichten spiegeln die Lebensgeschichte eines Kindes wieder und greifen schwierigie Lebenssituationen auf. Durch verschiedene Stilmittel wie etwa Verfremdung, Zeitverzerrung und eine oftmals magische Ressourcenperson werden dem Kind Lösungswege aufgezeigt und es erfährt, nicht alleine mit seiner Situation zu sein. Heilende Geschichten sind individuell und persönlich für ein Kind verfasst und finden einen besonderen Platz im „Lebensbuch“ des Kindes.
Im Rahmen des Seminars „Biografiearbeit“ der Fachschule Jugend- und Heimerziehung begeben sich die Schüler:innen auf ihre eigenen biografischen Spuren und erleben die Methoden der Biografiearbeit bei sich selbst. Dabei entstehen jedes Jahr berührende heilende Geschichten – von Schüler:innen unserer Unterkurse geschrieben, so wie die Geschichte „Die kleine Hexe Lina“, Autorin ist Zoe.
Die kleine Hexe Lina
Vor langer Zeit lebte eine kleine Hexe, allein, ganz tief im Wald. Ihr Name war Lina. Sie war sehr einsam. Als sie noch eine Baby-Hexe gewesen war, hatte ihre Mutter sie verlassen. Von diesem Tag an war sie ganz auf sich gestellt und allein in dem kleinen Hexenhaus geblieben. Sie hatte ihr Haus nie wieder verlassen und Fenster und Vorhänge zugezogen sodass sie der Überzeugung war, ganz allein in dem Wald zu sein. Sie kannte keine anderen Hexen, .. sie wusste nicht einmal, wo sie war. Und so ertrank sie langsam in ihrer Traurigkeit. So traurig war sie, dass sie sich nicht mal im Spiegel anschauen konnte.
Eines Morgens, es war noch früh und Lina schlief noch, da klopfte es an ihrer Tür.
Erschrocken wachte die kleine Lina auf. Das Klopfen hörte nicht auf. Dann hörte sie eine Stimme: „Hallo? Ist da jemand? Bitte helfen Sie mir, bitte, ich brauche Hilfe!“
Ganz langsam ging Lina zur Tür. Sie überlegte noch einen langen Moment. Dann öffnete sie die Tür. Vor ihr stand eine Hexe. Mit Hexenhut und Hexenbesen und einem so besorgten Blick, dass Lina Mitleid bekam. Sie bat sie herein und schämte sich so gleich für ihr Chaos und den muffigen Geruch und für sich selbst. Die andere Hexe stellte sich vor: „Ich bin Nella. Und ich vermisse meine geliebte Katze. Seit 3 Tagen ist sie verschwunden und ich habe überall nach ihr gesucht.“ Dann bat Nella Lina, ihr zu helfen. „Wenn du mit mir fliegst und mir hilfst, finden wir meine Katze vielleicht.“
„Ich habe dieses Haus schon sehr lange nicht mehr verlassen. Ich weiß nicht, ob ich das kann“, sagte Lina.
Nella erwiderte: „Diese Katze ist mein Ein und Alles, mein Baby, ohne sie bin ich ganz allein. Bitte hilf mir. Ich bin bei dir, dir kann nichts passieren.“ Als Lina das hörte, füllte sich ihr Herz mit tiefem Mitgefühl und Verständnis. Sie wusste nur zu gut, wie es war, allein zu sein und jemanden zu vermissen.
„Okay. Ich helfe dir. Finden wir dein Baby.“ Nellas Gesicht strahlte auf: „Ich danke dir, Lina.“
Lina nahm ihren Hexenbesen und stand hinter der Tür. Nella sah in ihr Gesicht, so verängstigt und panisch. Dann nahm sie ihre Hand. „Gehen wir?“, flüsterte sie vorsichtig. „Wir gehen“, flüsterte Lina.
Zum ersten Mal machte Lina einen Schritt nach draußen. Die Sonne leuchtete so hell und die Luft roch so gut und frisch. Lina stieg auf ihren Besen, Nella ebenso und Hand in Hand flogen sie los, nach oben, über die Gipfel aller Bäume. So eine Schönheit, so eine Freiheit hatte Lina noch nie gesehen. Lina spürte Freude in sich, sie schloss die Augen, spürte die Sonne auf ihrem Gesicht und machte ein paar Loopings.
Den ganzen Tag flogen sie umher, von Baum zu Baum und suchten Nellas Katze. Plötzlich stoppte Lina abrupt. Sie hörte ein Miauen. „Sie muss hier irgendwo sein, folge mir!“ Die beiden landeten neben einem kleinen Flussufer. Dort lag Nellas Katze, zu ihrer Überraschung mit vier kleinen Babykätzchen. Nella lachte und weinte vor Freude. Sie sprang zu Lina und umarmte sie ganz fest.
„Danke, kleine Hexe, danke, du hast es geschafft, du hast sie gefunden!“ In diesem Moment schmolz ein wenig Eis um Linas Herz herum und sie war zum ersten Mal seit Langem stolz auf sich.
Während Nella noch ihre Katze im Arm hielt, sah Lina in den Fluss. Sie sah ihr Gesicht. Sie lachte. Sie lachte von ganzem Herzen.
Später flogen sie gemeinsam zurück zu ihrem Haus. Als sie davor standen, sagte Nella: „Liebe Lina, du hast mir heute mein Leben wieder lebenswert gemacht. Deswegen möchte ich dir eines dieser Katzenjungen schenken.“ Lina weinte. Sie weinte Freudentränen: sie war nicht mehr alleine. Sie ging in ihr Haus mit dem Katzenjungen im Arm. Sie öffnete ihre Vorhänge und ihre Fenster. Dann zauberte sie ein Katzenbett auf den stand: „Hero“. Von diesem Tag an ging Lina jeden Tag mit ihrer Katze „Hero“ nach draußen und spielte mit ihr und flog mit ihr über den Wald. Endlich hatte sie ihren Lebenssinn gefunden und ihr Lächeln zurückgewonnen.






