Jeder Mensch trägt Spiritualität in sich: davon sind die beiden Religionspädagoginnen am Institut für Soziale Berufe (IfSB) überzeugt. Spiritualität und Religion sind für Daniela Alker und Heli Pfizenmaier die Verbindung zu etwas Höherem und Unsichtbaren. Sie spenden Trost und ermutigen. Und sie sind Heimat.
An der freien katholischen Schule, dem IfSB, haben Spiritualität und Religion selbstredend einen hohen Stellenwert. Daniela Alker unterrichtet Religion in allen sozialen Ausbildungsberufen, ihr Schwerpunkt liegt dabei in der Pflegeausbildung. Heli Pfizenmaier unterrichtet angehende Fachkräfte in der Erziehung. Die beiden Pädagoginnen sprechen über die Bedeutung von Spiritualität für die künftigen Fachkräfte in verschiedenen sozialen Berufen. Sie schildern aber auch, was sie für sie persönlich bedeutet.
Frau Alker, Frau Pfizenmaier, trägt jeder Mensch Spiritualität in sich?
Daniela Alker: Ja, der Mensch trägt Spiritualität in sich. Er hat ein Grundbedürfnis nach dem Transzendenten, also dem was nicht sichtbar ist. Diese Dimension verbindet mit Gott, mit anderen Menschen und der Schöpfung.
Heli Pfizenmaier: Jeder Mensch hat ein tiefes, persönliches Bedürfnis und die Fähigkeit, eine Verbindung zu etwas zu spüren, das größer ist als er selbst. Wir alle suchen nach einem Sinn in unserem Leben. Dies kann sich auf vielfältige Weise äußern, etwa als Verbundenheit mit der Natur, anderen Menschen, Kunst oder Musik.
Wie kann die Schülerschaft Zugang zu Spiritualität bekommen?
Heli Pfizenmaier: Man muss eine gute Atmosphäre der Akzeptanz schaffen. Jeder soll sich erwünscht und anerkannt fühlen. In diesem Umfeld kann sich der Gemeinschaftssinn entwickeln. Außerdem braucht es Raum für Selbstreflexion und Wertediskussionen. Den Zugang zu Spiritualität können wir fördern durch Gruppenarbeiten, angeleitete Reflexionen, gemeinschaftsfördernde Aktivitäten im kreativen Bereich. Geeignet sind spirituelle Tage wie aktuell mit dem Thema ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen‘, Willkommensfeiern für neue Studierende, Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer oder auch biblische Geschichten, die die Schüler und Schülerinnen selbst auswählen.
Daniela Alker: Spiritualität kann gefördert werden. Es beginnt mit der eigenen religiösen Sozialisation, der Teilnahme am kirchlichen Leben, an Gemeinschaft, an Gottesdiensten und dem Empfang der Sakramente. Im Unterricht machen wir biblische Geschichten erlebbar. Wir bieten auch Meditation, Gebete, Feste wie Weihnachten und Ostern. Wir besuchen Klöster, um mit Ordenspersonen zu sprechen. Auch Pilgern und Besuche von Gotteshäusern gehören zum Unterricht.
Welche Fragen bewegen die Auszubildenden besonders?
Daniela Alker: Es sind vielfältige Fragen wie ‚Welche Ziele und welche Werte habe ich? Wodurch fühle ich mich getragen? Worauf hoffe ich? Was bedeutet für mich ein sinnvolles, erfülltes Leben?‘ Es gibt aber auch Fragen wie ‚Sind Sie gläubig?‘
Heli Pfizenmaier: Studierende fragen: ‚Braucht es Religion überhaupt? Kann Religion gefährlich sein? Muss ich als Erzieherauszubildende religionspädagogisch qualifiziert sein, auch wenn ich gar nicht an Gott glaube?‘ Die Fragen sind gar nicht provokativ oder ablehnend gemeint. Ich bin oft erstaunt, dass sie so offen sind.
Wie ermutigen Sie Auszubildende, die Spiritualität mit dem eigenen Leben in Bezug zu setzen?
Daniela Alker: Der Religionsunterricht unterstützt die Auszubildenden bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zum Beispiel in dem sie Copingstrategien wie das Gebet und Kirchenräume kennenlernen. Das kann sie für das herausfordernde Berufsleben in Kliniken mit Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen stärken. Angesichts der im christlichen Menschenbild verankerten unverfügbaren Würde jedes Menschen hinterfragt der Religionsunterricht beispielsweise in der Pflegeausbildung auch Denk- und Handlungsansätze, die diese Würde in der Pflege infrage stellen. Beim Beispiel Sterbehilfe etwa geben wir Hilfestellung durch die Vermittlung von palliativen Versorgungsangeboten.
Welche Chancen hat der Religionsunterricht in multikulturellen Gruppen wie am Institut für Soziale Berufe?
Heli Pfizenmaier: Die Schülerinnen und Schüler mit ihrer eigenen oder auch mit anderen Religionen vertraut zu machen, vermittelt ein umfassendes Verständnis der weltanschaulichen Realität. In mulikulturellen und multireligiösen Gruppen gibt es Möglichkeiten zu Begegnungen. Studierende anderer religiöser Prägung als der christlichen sind in der Regel offen für den Religionsunterricht. Auf den Besuch von Gottesdiensten möchten sie aber unter Umständen verzichten. Das ist ihnen auch freigestellt, es gibt keinen Zwang.
Daniela Alker: Im späteren Berufsalltag stehen die Fachkräfte der Pflege oft vor Herausforderungen, da Krankheiten und Pflegebedürftigkeit bei Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen religiöse Fragen und Bedürfnisse verstärkt zutage treten lassen. In den Einrichtungen des Gesundheitswesens treffen sie tagtäglich Menschen verschiedener religiöser und kultureller Prägung. Der Religionsunterricht leitet an zu Perspektivwechsel bezogen auf die religiös-weltanschauliche Vielfalt.
Wie viel Religionsunterricht muss man Schülerinnen und Schülern „zumuten“?
Daniela Alker: Zum Stellenwert der Religionspädagogik im Rahmen der Erzieherausbildung heißt es: ‚Erziehung, die Kinder und Jugendliche als Personen mit allen ihren Fragen und Bedürfnissen ernst nimmt, bezieht die religiöse Dimension des Lebens mit ein, indem sie sich den Fragen nach Sinn, nach Werteentscheidungen, nach dem Menschen und nach Gott stellt.‘ Religiöse Erziehung ist damit ein integraler Bestandteil einer sich ganzheitlich verstehenden Begleitung und Förderung. Sie bietet grundlegende Orientierungen in einer sich ständig verändernden Welt. Um religiöse und kulturelle Vielfalt bewältigen zu können, brauchen Kinder und Jugendliche von Geburt an verlässliche und kompetente Begleitung, die sensibilisiert, sowohl für die Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen, der Umwelt und dem Transzendenten.
Heli Pfizenmaier: Religionsunterricht ist keine Zumutung, sondern Notwendigkeit. Unsere Schüler werden Kinder in Kitas begleiten. Deswegen müssen sie sich mit ihrer eigenen Spiritualität und Religion auseinandersetzen. Sich selbst reflektieren, über Werte sowie auch über religiöse Themen diskutieren. Erzieherisches Handeln ist immer wertebestimmt.
Wie schafft es Religionsunterricht, das Leben zu deuten – ohne den moralischen Zeigefinger?
Heli Pfizenmaier: Wichtig ist ein dialogorientierter Religionsunterricht. Niemanden soll mit ‚Du sollst‘-Aussagen bevormundet werden. Vielmehr sollen Schüler dazu befähigt werden, eigene ethische Positionen zu überlegen und zu reflektieren. Die Lehrkräfte sind dabei ihre Begleitenden.
Was bedeutet Spiritualität für Sie persönlich?
Daniela Alker: Ich bin meinen Großeltern, meinen Eltern und meinem Mann dankbar für meine religiöse Sozialisation, die mich so sehr geprägt hat und prägt, dass für mich die katholische Kirche immer Heimat war und bis heute ist. Auch wenn die Vielfalt manchmal herausfordernd ist, bin ich dankbar, dass ich als Diplompädagogin und katholische Religionslehrerin Menschen unterschiedlichen Alters, Religionen, Kulturen für verschiedene soziale Berufe ausbilden darf. Ich lese gerne Vatican News und feiere sehr gerne Gottesdienste, bin gerne in Rom und in anderen italienischen Wallfahrtsorten. So kann ich meine Spiritualität gut leben. Gott ist Heimat, Gott ist immer da.
Heli Pfizenmaier: Mein Glaube bedeutet mir, einen Anker im Leben zu haben. Etwas, was in meinem Leben die Richtung zeigt. Er bedeutet auch Trost, Ermutigung, Zuspruch. Und: Dass ich nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand.





